Demo-Bericht
Demonstrationen am 30. Juni in Wiesbaden und Grafenwöhr
Knapp 2.000 Menschen haben in Wiesbaden unter dem Motto „Keine Mittelstreckenwaffen! Nirgends“ gegen die Stationierung von Mittelstreckenwaffen in Deutschland protestiert. Weitere 250 Menschen kamen im oberpfälzischen Grafenwöhr zu einer parallel stattfindenden Kundgebung zusammen. Mehr als 60 Friedensinitiativen riefen zu dem Protesttag auf.
Mit den Demonstrationen konnte am 30. Mai ein kraftvolles Zeichen für Frieden und Abrüstung ausgesendet werden. In Wiesbaden begrüßten die Demonstrierenden die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, keine Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland zu stationieren, als eine „gute Nachricht für die Sicherheit in Deutschland und Europa“.
Die Reden bei der Auftaktkundgebung hielten Marvin Mendyka für die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“ sowie Julian Eder und Benjamin Bickert. In diesen wurden die Forderungen nach neuen Abrüstungs- und Rüstungskontrollinitiativen, der Ablehnung der immer weiter steigenden Militärausgaben und die klare Ablehnung der Wehrpflicht thematisiert.
Weitere Ressourcen:
- Pressemitteilung zu den Demos am 30. Mai in Wiesbaden und Grafenwöhr, hier lesen.
- Die Rede von Kampagnensprecherin Angelika Wilmen, stellvertretend von Kampagnenratsmitglied Marvin Mendyka gehalten, kann hier nachgelesen werden.
- Bilder von der Demo in Wiesbaden gibt es hier.
Auf der Abschlusskundgebung setzte sich Pfarrer Wolfgang Prawitz mit der neuen Denkschrift „Welt in Unordnung“ der Evangelischen Kirche auseinander. „Es wird keinen Frieden geben, wenn wir uns auf militärische Mittel, auf militärische Stärke verlassen“, mahnte das Mitglied der Kirchensynode der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN). Die Stationierung von Mittelstreckenwaffen mit ihren extrem kurzen Vorwarnzeiten führe nicht aus der Kriegs- und Gewaltlogik heraus, so Prawitz, sondern immer tiefer in diese hinein. „Dem Frieden kommen wir mit Mittelstreckenwaffen nicht näher, dem ‚gerechten Frieden‘ erst recht nicht!“
„Don’t give Trump credit for anything!“
Ann Wright, langjährige US-Friedensaktivistin, die bereits als Rednerin auf der letztjährigen Demo gegen Mittelstreckenwaffen in Wiesbaden auftrat, warnte davor, US-Präsident Trump Anerkennung für die Nicht-Stationierung und den Abzug von 5.000 US-Truppen aus Deutschland zu geben. Denn dieser werde diese nun mit hoher Wahrscheinlichkeit einfach andernorts in Europa stationieren. Des Weiteren geißelte Wright die Probleme, die aus den ausufernden Rüstungsausgaben der USA und dem dortigen Militarismus entstünden. Scharfe Kritik übte sie an den Interventionen in Venezuela und Iran sowie die US-Unterstützung des israelischen Vorgehens in Gaza. Ebenso berichtete sie von der „Gaza Sumud Flotilla“, von der sie erst kürzlich zurückkam. Die inzwischen fast 80-jährige US-Aktivistin stieß mit ihren pointierten Friedensforderungen auf viel Zustimmung des Publikums.
Weitere Reden folgten von Vertreter*innen von Parteien. Lothar Binding, einer der Unterzeichner des im vergangenen Jahr veröffentlichten Friedensmanifestes aus den Reihen der SPD, kritisierte in seiner Rede u.a. die Bereitstellung der militärischen Infrastruktur für die völkerrechtswidrigen Kriege der USA.
Frieden ist nicht einfach – doch Aufrüstungspolitik versagt
Desiree Becker, Bundestagsabgeordnete der Partei „Die Linke“, attestierte der Aufrüstungspolitik der vergangenen Jahre ein vernichtendes Urteil. Schon als der INF-Vertrag 2019 ausgesetzt wurde, habe die damalige Bundesregierung nicht protestiert. Nun setzen sich Pistorius und Merz dafür ein, dass Deutschland die stärkste konventionelle Armee Europas bekäme, und „schwärmen“ bereits von einem atomaren Schirm. Die Aufrüstungspolitik der letzten Jahre habe auf jeden Fall versagt. „Oder fühlt ihr euch sicherer?“, wandte sich Becker an die Zuhörenden, die entsprechend reagierten. Stattdessen appellierte sie für einen neuen INF-Vertrag, neue Verträge zur Begrenzung von nuklearen Sprengköpfen und den Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag.
Zum Abschluss der Kundgebung sprach Michael von der Schulenburg, der sich in seiner Rede u.a. mit der neuen deutschen Militärstrategie auseinandersetzte. Ob diese bereits ein „Schritt in den Dritten Weltkrieg“ sei, fragt sich das Mitglied der BSW-Fraktion im Europaparlament. Für sein Plädoyer, wieder mit Russland zu reden, erntete Schulenburg zum Abschluss der Kundgebung noch einmal Applaus beim Publikum.
Dieser Text erscheint im FriedensForum 4/2026 und wurde hier vorab veröffentlicht.
